Zahnprobleme beim Kaninchen: Anzeichen, Ursachen & Behandlung
Von Julia Wrenfield, Forscherin für Tiergesundheit
- Zahnwachstumsrate: 2–3 mm pro Woche — kontinuierlicher Abrieb ist unerlässlich
- Häufigstes Problem: Zahnspitzen an den Backenzähnen und verlängerte Zahnwurzeln
- Hauptursache: Unzureichende Heuaufnahme
- Beste Vorbeugung: Immer unbegrenzt Wiesenheu
- Für die Diagnose erforderlich: Maulhöhlenuntersuchung + Zahnröntgen (eine reine Sichtuntersuchung genügt nicht)
Zahnerkrankungen gehören zu den häufigsten und am seltensten diagnostizierten Gesundheitsproblemen bei Hauskaninchen. Da Kaninchen Schmerzen und Unwohlsein instinktiv verbergen — ein Überlebensverhalten, das sie als Beutetiere geerbt haben — sind Zahnprobleme oft schon weit fortgeschritten, bevor die Besitzer überhaupt merken, dass etwas nicht stimmt. Wenn die klassischen Anzeichen wie Speicheln, Gewichtsverlust oder vollständiger Appetitverlust auftreten, kann die zugrunde liegende Zahnerkrankung bereits schwerwiegend sein.
Wer versteht, wie Kaninchenzähne funktionieren, was schiefgehen kann und wie man Probleme früh erkennt, kann seinem Kaninchen chronische Schmerzen und potenziell lebensbedrohliche Komplikationen ersparen.
Wie Kaninchenzähne funktionieren
Kaninchen haben ein einzigartiges Zahnsystem, das man als elodontes Gebiss bezeichnet — das heißt, ihre Zähne wachsen ihr ganzes Leben lang kontinuierlich nach. Das ist anders als bei den meisten Säugetieren, einschließlich des Menschen, deren Zähne bis zu einer bestimmten Größe wachsen und dann aufhören. Die Schneidezähne (Vorderzähne) und die Backenzähne eines Kaninchens wachsen nie auf, und zwar mit etwa 2–3 mm pro Woche bei den Schneidezähnen und etwas langsamer bei den Backenzähnen.
Dieses kontinuierliche Wachstum erfordert einen kontinuierlichen Abrieb. Bei einem gesunden Kaninchen mit der richtigen Ernährung hält das Zermahlen von Wiesenheu die Zähne in korrekter Stellung und auf der passenden Länge. Die seitliche (von links nach rechts gerichtete) Mahlbewegung beim Kauen von langstieligem Heu ist besonders wirksam, um die Zähne gleichmäßig abzunutzen. Ohne ausreichende Heuaufnahme findet dieses Zermahlen nicht in ausreichendem Maß statt und die Zähne beginnen, überlang zu werden.
Kaninchen haben insgesamt 28 Zähne: 4 Schneidezähne (darunter 2 kleine „Stiftzähne" hinter den oberen Schneidezähnen) und 22 Backenzähne (Prämolaren und Molaren). Zahnprobleme können jeden dieser Zähne betreffen, aber Probleme an den Backenzähnen sind sowohl am häufigsten als auch am schwersten zu erkennen, wenn keine geeignete Untersuchungsausrüstung vorhanden ist.
Häufige Zahnprobleme bei Kaninchen
Zahnspitzen an den Backenzähnen
Wenn Backenzähne ungleichmäßig überwachsen, entwickeln sich an den Rändern scharfe Spitzen, sogenannte Zahnspitzen (Spurs). Diese Spitzen schneiden bei jeder Kieferbewegung in Wangen und Zunge und verursachen starke Schmerzen, die sich beim Fressen verschlimmern. Ein Kaninchen mit Zahnspitzen an den Backenzähnen geht oft zum Futter, nimmt es auf und lässt es dann wieder fallen — der Schmerz beim Kauen macht es unmöglich weiterzufressen. Dieses Verhaltenszeichen ist einer der frühesten beobachtbaren Hinweise auf Probleme an den Backenzähnen.
Malokklusion (Zahnfehlstellung)
Eine Malokklusion liegt vor, wenn die oberen und unteren Zähne nicht korrekt aufeinandertreffen und dadurch der normale Abrieb verhindert wird. Bei den Schneidezähnen ist die Malokklusion sichtbar — die Zähne biegen sich deutlich nach außen und wachsen unbehandelt manchmal spiralförmig. Bei den Backenzähnen ist die Malokklusion ohne Spezialausrüstung nicht sichtbar. Eine Malokklusion kann genetisch bedingt sein (häufig bei Zwerg- und Widderrassen aufgrund ihrer Schädelform) oder durch Verletzungen, Zahnverlust oder fortschreitendes Überwachsen erworben werden.
Verlängerte Zahnwurzeln
Da Kaninchenzähne vom Wurzelende her nachwachsen, kann ein abnormes Zahnwachstum dazu führen, dass sich die Wurzel nach unten (Zähne des Unterkiefers) oder nach oben (Zähne des Oberkiefers) verlängert. Verlängerte Wurzeln der oberen Backenzähne drücken in Richtung Augenhöhle und können Augenprobleme verursachen, darunter Epiphora (Tränenüberlauf), Augenausfluss und Dakryozystitis (verstopfter Tränennasenkanal). Verlängerte Wurzeln der unteren Backenzähne bilden schmerzhafte Beulen, die an der Unterseite des Kiefers zu tasten sind. Keines von beidem ist bei einer reinen Maulhöhlenuntersuchung sichtbar — Zahnröntgenaufnahmen sind unerlässlich.
Zahnabszesse
Kaninchen sind besonders anfällig für Zahnabszesse, weil ihr Knochen und das Gewebe der Abszesskapsel (anders als beim Menschen und bei Katzen) kein gutes Eindringen von Antibiotika zulässt. Zahnabszesse beim Kaninchen neigen dazu, dickflüssigen, käsigen (kaseösen) Eiter zu bilden, der nicht leicht abfließt. Sie erfordern häufig eine chirurgische Ausräumung und in vielen Fällen eine Zahnextraktion durch eine Fachtierärztin oder einen Fachtierarzt für Zahnheilkunde.
Ursachen von Zahnerkrankungen
Die Ursachen von Zahnproblemen bei Kaninchen lassen sich in zwei Kategorien einteilen:
Ernährung/Umwelt: Die am besten vermeidbare Ursache ist eine unzureichende Heuaufnahme. Ohne das ständige abrasive Zermahlen, das Heu bietet, wachsen die Zähne über. Das ist die ernährungsbedingte Ursache der meisten erworbenen Zahnprobleme bei Hauskaninchen — Probleme, die bei Wildkaninchen mit einer natürlichen Ernährung aus Gräsern und faserreichen Pflanzen nicht auftreten würden.
Genetisch: Brachyzephale (kurzköpfige) Kaninchenrassen — insbesondere Netherland Dwarf, Lionhead und Widderrassen — haben eine komprimierte Schädelanatomie, die dazu führt, dass die Zähne von Geburt an gedrängt stehen und fehlausgerichtet sind. Diese Rassen haben unabhängig von der Ernährung ein grundsätzlich höheres Risiko für Zahnprobleme, weshalb regelmäßige Zahnkontrollen besonders wichtig sind.
Auch ein Trauma — ein Sturz, eine Kollision oder eine Bissverletzung — kann Zähne oder die Kieferstellung schädigen und in der Folge zu Zahnerkrankungen führen.
Anzeichen für Zahnprobleme
Da Kaninchen Schmerzen so wirksam verbergen, müssen Besitzer lernen, subtile Verhaltens- und körperliche Veränderungen zu erkennen:
- Fallenlassen von Futter (Quidding) — Futter aufnehmen und dann immer wieder fallen lassen
- Selektives Fressen — Meiden harter Futtermittel (Pellets, härtere Gemüsesorten), während weiche Futtermittel weiter gefressen werden
- Verminderter Appetit, der in Anorexie übergeht
- Gewichtsverlust — oft allmählich und leicht zu übersehen
- Speicheln oder nasses Fell unter dem Kinn — Speichelüberlauf durch Maulschmerzen
- Augenausfluss oder Tränenüberlauf — durch verlängerte Wurzeln der oberen Backenzähne
- Nasenausfluss — Zahnwurzeln können die Nasengänge beeinträchtigen
- Sichtbare Knoten an der Kieferlinie — verlängerte Wurzeln oder Abszess
- Überlange oder sichtbar fehlgestellte Schneidezähne — von außen ohne Hilfsmittel erkennbar
- Kopfschiefhaltung — kann auf eine Beteiligung des Ohrs infolge einer Zahninfektion hinweisen
Diagnose: Warum Röntgenaufnahmen unerlässlich sind
Viele Tierärzte und sogar Besitzer glauben, dass eine visuelle Maulhöhlenuntersuchung mit einem Otoskop oder einer kleinen Taschenlampe ausreicht, um die Zahngesundheit eines Kaninchens zu beurteilen. Das ist nicht der Fall. Die Backenzähne eines Kaninchens liegen tief im Kiefer und sind ohne spezielle Ausrüstung schwer richtig einzusehen — und die Wurzeln, die die Quelle vieler schwerwiegender Probleme sind, sind ohne Röntgen vollständig unsichtbar.
Eine ordentliche Zahndiagnostik beim Kaninchen erfordert eine Vollnarkose (um das Maul vollständig öffnen und untersuchen zu können) sowie Zahnröntgenaufnahmen beider Kiefer. In auf Exoten spezialisierten Praxen wird für komplexe Zahnfälle zunehmend die Computertomografie eingesetzt, die eine dreidimensionale Darstellung der Wurzellängen und der Knochenbeteiligung ermöglicht.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung richtet sich nach dem festgestellten Problem:
- Zahnkürzung (Abschleifen/Fräsen) — das häufigste Verfahren, durchgeführt unter Vollnarkose durch eine Fachtierärztin oder einen Fachtierarzt für Zahnheilkunde. Scharfe Zahnspitzen an den Backenzähnen werden abgeschliffen und überlange Kauflächen eingekürzt. Bei betroffenen Kaninchen sind dafür in der Regel Wiederholungsbehandlungen alle 2–6 Monate nötig.
- Kürzen der Schneidezähne — kann in manchen Fällen am wachen Tier mit einem speziellen Dentalfräser erfolgen (niemals mit einer Zange, da diese Zahnfrakturen verursacht).
- Zahnextraktion — manchmal notwendig bei abszedierten oder stark fehlgestellten Zähnen. Die Wurzelextraktion beim Kaninchen ist technisch anspruchsvoll und erfordert eine Spezialistin oder einen Spezialisten.
- Abszessbehandlung — kann eine chirurgische Ausräumung, eine langfristige Antibiotikagabe und in einigen Fällen eine Marsupialisation erfordern (der Abszess wird offen gelassen, damit er über Wochen abfließen kann).
Vorbeugung: Heu als wichtigstes Mittel
Bei erworbenen Zahnerkrankungen ist die Vorbeugung einfach: unbegrenzt Wiesenheu anbieten. Keine andere Ernährungsumstellung hat für die Zahngesundheit von Kaninchen eine größere Wirkung, als dafür zu sorgen, dass Heu mehr als 80 % der Ration ausmacht und jederzeit verfügbar ist. Die mechanische Mahlwirkung ist unersetzlich.
Ergänzende Nageobjekte — unbehandelte Holzklötze, Kauspielzeug auf Heubasis — können zusätzlich zum Abrieb der Schneidezähne beitragen, ersetzen aber nicht die mahlende Wirkung von Heu auf die Backenzähne. Für alle erwachsenen Kaninchen werden jährliche zahnärztliche Untersuchungen beim Tierarzt empfohlen, für brachyzephale Rassen oder Kaninchen mit einer Vorgeschichte von Zahnproblemen halbjährliche Untersuchungen.
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Das Wichtigste in Kürze
- Kaninchenzähne wachsen 2–3 mm pro Woche und müssen durch das Zermahlen von Heu kontinuierlich abgerieben werden.
- Häufige Probleme sind Zahnspitzen an den Backenzähnen, Malokklusion, verlängerte Zahnwurzeln und Abszesse.
- Die Hauptursachen sind eine unzureichende Heuaufnahme (erworben) und Genetik (besonders bei Zwerg- und Widderrassen).
- Frühe Anzeichen sind das Fallenlassen von Futter, selektives Fressen, Speicheln und Augenausfluss — oft subtil.
- Eine korrekte Diagnose erfordert eine Vollnarkose und Zahnröntgenaufnahmen; eine reine Sichtuntersuchung genügt nicht.
- Vorbeugung: jederzeit unbegrenzt Wiesenheu, plus jährliche Zahnuntersuchungen (halbjährlich bei Risikorassen).
Quellen
- Harcourt-Brown FM. Diagnosis of dental disease in rabbits by routine intraoral examination. Vet Rec. 2007;160(8):270–271. PubMed
- Böhmer E, Crossley D. Objective interpretation of dental disease in rabbits, guinea pigs and chinchillas. Tierarztl Prax Ausg K Kleintiere Heimtiere. 2009;37(4):250–260. PubMed
