Diabetes bei Katzen verstehen
Diabetes mellitus ist eine Erkrankung, bei der der Körper den Blutzucker nicht mehr wirksam regulieren kann – entweder weil die Bauchspeicheldrüse zu wenig Insulin produziert oder weil die Körperzellen nicht mehr richtig darauf reagieren. Bei Katzen entspricht die überwiegende Mehrheit der Fälle dem Typ-2-Diabetes des Menschen: Die Betazellen der Bauchspeicheldrüse sind zunächst durchaus in der Lage, Insulin zu produzieren, doch eine periphere Insulinresistenz (häufig durch Übergewicht bedingt) überfordert das System zunehmend. Mit der Zeit schädigen die dauerhafte Überbeanspruchung und die Glukosetoxizität die Betazellen selbst, wodurch die Insulinproduktion weiter abnimmt.
Die Erkrankung tritt bei Hauskatzen immer häufiger auf, was zu einem großen Teil auf steigende Übergewichtsraten, einen bewegungsarmen Lebensstil in der Wohnung und kohlenhydratreiche Ernährung zurückzuführen ist. Wenn Sie die Risikofaktoren kennen, die Anzeichen früh erkennen und die Behandlung aktiv mitgestalten, haben betroffene Katzen die bestmögliche Prognose – einschließlich einer realistischen Chance auf eine Remission.
Risikofaktoren
Bestimmte Katzen haben ein höheres Risiko, einen Diabetes mellitus zu entwickeln:
- Übergewicht: Der bedeutendste beeinflussbare Risikofaktor. Übergewichtige Katzen entwickeln viermal häufiger Diabetes als schlanke Katzen.
- Kastrierte Kater: Kater sind häufiger betroffen als weibliche Katzen.
- Wohnungshaltung und Bewegungsmangel: Geringere körperliche Aktivität fördert die Insulinresistenz.
- Katzen im mittleren bis höheren Alter: Diabetes tritt am häufigsten bei Katzen ab sieben Jahren auf.
- Rassedisposition: Burma-Katzen haben eine gut dokumentierte genetische Veranlagung für Diabetes mellitus, insbesondere in Australien und Großbritannien, und sollten mit zunehmendem Alter engmaschig überwacht werden.
- Langfristige Anwendung von Kortikosteroiden sowie eine gleichzeitig bestehende Hyperthyreose können beide eine Insulinresistenz auslösen oder verstärken.
Klinische Anzeichen von Diabetes bei Katzen
Die klassischen Anzeichen des felinen Diabetes sind gut zu erkennen, wenn man weiß, worauf man achten muss:
- Polyurie und Polydipsie (PU/PD): Die typischen Leitsymptome – große Mengen sehr blassen, verdünnten Urins und deutlich erhöhte Wasseraufnahme. Halterinnen und Haltern fällt möglicherweise auf, dass sich die Katzentoilette ungewöhnlich schnell füllt.
- Gewichtsverlust trotz gesteigerten Appetits (Polyphagie): Da die Zellen die Glukose nicht wirksam nutzen können, baut der Körper Fett und Muskulatur zur Energiegewinnung ab. Die Katze frisst mehr, verliert aber stetig an Substanz.
- Plantigrade Stellung: Ein charakteristisches Zeichen bei diabetischen Katzen – die Sprunggelenke sinken beim Gehen zum Boden ab, sodass es aussieht, als würde die Katze flach auf dem Unterschenkel und nicht auf den Zehen laufen. Ursache ist eine diabetische Neuropathie, die die peripheren Nerven betrifft.
- Lethargie und verminderte Aktivität
- Ungepflegtes Fell
- Muskelabbau, besonders an der Hinterhand und entlang der Wirbelsäule
Diagnose
Für die Diagnose muss eine anhaltende Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) zusammen mit einer Glukosurie (Glukose im Urin) nachgewiesen werden. Ein einzelner Blutzuckerwert kann bei Katzen irreführend sein – schon Stress allein kann eine vorübergehende Hyperglykämie (Stresshyperglykämie) verursachen, die einen Diabetes vortäuscht. Genau deshalb ist die Messung des Fruktosamins in der Katzenmedizin so nützlich: Fruktosamin spiegelt den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der vorangegangenen zwei bis drei Wochen wider und wird von akutem Stress nicht beeinflusst. Ein erhöhter Fruktosaminwert zusammen mit einer Hyperglykämie und passenden klinischen Anzeichen bestätigt die Diagnose.
Bei der Diagnosestellung werden ein vollständiges Blutbild mit Blutchemie sowie eine Urinuntersuchung durchgeführt, um Begleiterkrankungen auszuschließen – insbesondere Harnwegsinfektionen (bei diabetischen Katzen häufig, da die Glukose im Urin Bakterien als Nährboden dient), Hyperthyreose, Pankreatitis und eine chronische Nierenerkrankung (CKD). Sowohl die Leitlinien der ECVIM-CA als auch der WSAVA empfehlen eine umfassende Basisdiagnostik, bevor mit einer Insulintherapie begonnen wird, da Begleiterkrankungen die Behandlungsentscheidungen erheblich beeinflussen.
Insulintherapie in der EU
Die meisten diabetischen Katzen benötigen Insulininjektionen, die von den Haltern zu Hause subkutan (unter die Haut) verabreicht werden – bei den meisten Protokollen zweimal täglich. In der Praxis ist das viel weniger einschüchternd, als es klingt: Katzen tolerieren Injektionen in der Regel sehr gut, und die Halter werden mit tierärztlicher Anleitung meist innerhalb weniger Tage sicher darin.
Mehrere Insulinpräparate sind in der EU für Katzen zugelassen oder werden häufig eingesetzt:
- Caninsulin (porcines Lente-Insulin): In der EU für Hunde und Katzen zugelassen; mittellang wirksam, bei Katzen ist die zweimal tägliche Gabe Standard.
- ProZinc (Protamin-Zink-Insulin): In der EU und den USA speziell für Katzen zugelassen; lang wirksam, für die ein- oder zweimal tägliche Anwendung konzipiert.
- Glargin (Lantus): Ein lang wirksames Humaninsulin-Analogon, das in der Tiermedizin bei Katzen immer beliebter geworden ist, insbesondere weil es in Verbindung mit einer kohlenhydratarmen Ernährung mit höheren Remissionsraten einhergeht. Nicht für die tiermedizinische Anwendung zugelassen, wird in der EU aber in der klinischen Praxis weit verbreitet im Off-Label-Use eingesetzt.
Dosisanpassungen richten sich nach Blutzuckertagesprofilen (Blutzuckermessungen zu mehreren Zeitpunkten über einen Tag) und der Fruktosaminkontrolle.
Ernährung: der Schlüssel zur Remission
Das Ernährungsmanagement ist beim felinen Diabetes wohl genauso wichtig wie die Insulintherapie. Katzen sind obligate Karnivoren mit einem stoffwechselbedingten Proteinbedarf und einer sehr begrenzten Fähigkeit, den Kohlenhydratstoffwechsel zu regulieren. Eine kohlenhydratarme, proteinreiche Ernährung – in der Regel Feuchtfutter statt Trockenfutter – verringert postprandiale Blutzuckerspitzen und erhöht in Kombination mit einer passenden Insulintherapie die Wahrscheinlichkeit einer diabetischen Remission deutlich.
Eine Remission – definiert als das Halten normaler Blutzuckerwerte ohne fortlaufende Insulintherapie – ist bei etwa 50–80 % der neu diagnostizierten Katzen erreichbar, die mit Glargin- oder Detemir-Insulin in Verbindung mit einer strikt kohlenhydratarmen Ernährung behandelt werden. Eine frühe Diagnose und eine schnelle Blutzuckereinstellung bieten die besten Chancen, dass sich geschädigte Betazellen erholen können.
Zooplus bietet ein breites Sortiment an für Diabetiker geeigneten Katzenfuttern, darunter Diät-Alleinfuttermittel für Diabetiker von Royal Canin, Hill's m/d und Specific sowie eine große Auswahl proteinreicher Feuchtfutter, die Teil eines tierärztlich abgestimmten Fütterungsplans sein können. Ihr Tierarztteam hilft Ihnen dabei, die für die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben Ihrer Katze passende Option zu finden.
Blutzuckerkontrolle zu Hause
Die Blutzuckermessung zu Hause – mit einem kleinen Handmessgerät und einer winzigen Blutprobe vom Ohrrand oder Pfotenballen – wird von Fachtierärzten für Innere Medizin zunehmend empfohlen und in den ECVIM-CA-Leitlinien unterstützt. Sie liefert den Haltern weit mehr Daten als regelmäßige Praxisbesuche allein und ermöglicht eine deutlich engere Blutzuckereinstellung, was wiederum die Remissionsraten verbessert und das Risiko einer Hypoglykämie senkt. Viele Halter, die der Messung zu Hause zunächst skeptisch gegenüberstehen, werden innerhalb weniger Wochen sicher und geübt.
Diabetische Ketoazidose: ein lebensbedrohlicher Notfall
Die diabetische Ketoazidose (DKA) ist eine schwere, akute Komplikation, die entsteht, wenn der Körper – ohne Zugang zu Glukose – Fett in einem Ausmaß abbaut, das die Kapazität der Leber zur Verarbeitung von Ketonkörpern überschreitet. Eine DKA entwickelt sich am häufigsten bei nicht diagnostizierten oder schlecht eingestellten diabetischen Katzen und geht ohne Notfallbehandlung mit einem erheblichen Sterberisiko einher. Anzeichen einer DKA sind:
- Erbrechen und ausgeprägte Lethargie
- Vollständige Futterverweigerung (Anorexie)
- Dehydratation und Schwäche
- Ein süßlicher oder acetonartiger Geruch der Atemluft
- Schnelle oder erschwerte Atmung
- Kollaps
Wann Sie dringend Hilfe suchen sollten
Wenden Sie sich sofort an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt bzw. suchen Sie eine Notfallklinik auf, wenn Ihre Katze:
- eines der oben genannten Anzeichen einer DKA zeigt
- plötzlich schwach, wackelig oder nicht mehr ansprechbar wird (mögliche Hypoglykämie durch zu viel Insulin)
- unter Insulintherapie länger als 24 Stunden das Futter verweigert
- einen Krampfanfall hat
Eine Hypoglykämie (zu stark abgefallener Blutzucker) ist ein medizinischer Notfall – bei Verdacht reiben Sie eine kleine Menge Glukosegel oder Honig auf das Zahnfleisch und suchen Sie unverzüglich tierärztliche Notfallhilfe auf.
Dieser Artikel wurde von Julia Wrenfield geschrieben. Wenden Sie sich für Ratschläge, die speziell auf Ihr Tier zugeschnitten sind, immer an eine zugelassene Tierärztin oder einen zugelassenen Tierarzt.
